Trauer hat viele Gesichter - Nachlese Enquete 2009

Am 13. Mai 09 fand im Landhaus St. Pölten die achte Hospizenquete des Landesverbandes Hospiz NÖ statt. 280 Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchten die Vorträge am Vormittag und die angebotenen Workshops am Nachmittag.

Unter dem Titel “Trauer hat viele Gesichter” gab es vielseitige Annäherungen an dieses Thema zu hören. Die Trauer und ihr Mitnehmen ins Leben nach dem Verlust, die kindliche Trauer in ihren nur scheinbar widersprüchlichen entwicklungsbedingten Wandlungen und die leidenschaftliche Fürsprache für die Wiederannäherung an den Tod und die Toten, die unserer Gesellschaft abhanden gekommen sind.

 

Programm

Zeit
9.00 Uhr bis 17.00 Uhr
  Einlass ab 8.30 Uhr
   
Ort 
Landtagssaal
  Landhausplatz 1, Haus 1b
  3109 St. Pölten

              
                      

9.00 Uhr Begrüßung und Statements

Dr. Brigitte Riss
HR Dr. Otto Huber
Abgeordneter zum NÖ Landtag Dr. Martin Michalitsch, in Vertretung von Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll

 

 

9.30 bis 12.30 Uhr Vorträge

Trauer – nur Leid oder auch Chance?
Monika Müller

 

Das kindliche Gesicht der Trauer
Mag.a Monika Sagaster  

 

Trauer ist Liebe
Fritz Roth                      

 

12.30 Uhr Mittagspause
Empfang gegeben von Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll

 

14.00 bis 16.30 Uhr Workshops

Workshop 1     

Trösten oder Vertrösten – Trauernde begleiten
Monika Müller                     

 

Workshop 2    

“Trauernde Kinder brauchen…“          
Von der eigenen Betroffenheit zu den kindlichen Bedürfnissen
Mag.a Monika Sagaster, Mag.a Karin Spinka       

 

Workshop 3     

Kindertränen ernst nehmen
Dr. Monika Specht-Tomann

 

Workshop 4     

Neubelebte Trauerrituale
Fritz Roth                      

 

Workshop 5     

Fundstücke – Methoden aus der Museumspädagogik um Trauerprozesse zu unterstützen
Mag. Christian Freisleben-Teutscher

 

Workshop 6     

Trauer durch Tanz überwinden
Kyriakos Chamalidis

 

16.30  Uhr Abschluss bei Brot, Wein und Wasser

 

Moderation: Mag. Michael Koch, ORF NÖ

 

 

Monika Müller

Therapeutin für integrative gestaltorientierte Verfahren. Leiterin derAnsprechstelle NRW zu Pflege Sterbender, Hospizarbeit und Angehörigenbegleitung. Vorstandsmitglied der Bundesgemeinschaft Hospiz, Deutschland, Sachbuchautorin

Vortrag: Trauer – nur Leid oder auch Chance?   
Workshop 1: Trösten oder Vertrösten – Trauernde begleiten

 

Feedback zum Workshop
Wir haben Arbeitskreise zu drei Themen gebildet:

  1. Was ist trösten?
  2. Was wäre tröstlich?
  3. Was ist untröstlich? Was tun – was lassen – weniger ist mehr.

Anschließender Austausch aus Sicht der Trauenden und aus Sicht der Begleiter.       

Frau Müller kommentierte unsere Ergebnisse sehr wertschätzend und ergänzte:
den anderen gutheißen auf verschiedenen Ebenen:

  1. in seiner Würde (ihn ansehen – ihm Ansehen geben),
  2. im Mysterium, 3. in der Ohnmacht (im Untröstlichen) und im Schweigen,
  3. in der Gegenwart, im Augenblick,
  4. das Leben gutheißen. Wahrnehmen mit allen Sinnen. In Beziehung gehen. Fragen: “Was willst du, dass ich dir tue?” (Bibelzitat).

 

Rosa Maria Gattringer

Downloads

Handout_Maerchen_TB-Verarbeitung

 

Mag.a Monika Sagaster, Mag.a Karin Spinka

Vortrag: Das kindliche Gesicht der Trauer  
Workshop 2:  “Trauernde Kinder brauchen…“ Von der eigenen Betroffenheit zu den kindlichen Bedürfnissen

 

Mag.a Monika Sagaster
Wirtschaftspädagogin, Psychotherapeutin, Individualpsychologie. Tätig am International Business College Hetzendorf, Unterrichtschwerpunkte Persönlichkeitsentwicklung, Human Ressource Management; seit 2002 im Ambulatorium „die Boje“ Akuthilfe für Kinder und Jugendliche in Krisen, Wien

Ausgehend vom Todeskonzept des Kindes in den verschiedenen Entwicklungsstufen soll die Vielfalt kindlicher Trauerprozesse dargestellt und interpretiert werden. Das Wissen um die theoretischen Hintergründe kann dabei ein tieferes Verständnis für die Situation trauernder Kinder ermöglichen.

 

Mag.a Monika Spinka
Erziehungswissenschafterin, Psychotherapeutin, Individualpsychologie, seit 2002 im Ambulatorium „die Boje“ Akuthilfe für Kinder und Jugendliche in Krisen, Wien, Psychotherapeutin in freier Praxis

Leitet den Workshop gemeinsam mit Frau Mag.a Monika Sagaster

Im Rahmen des Workshops bietet sich für die TeilnehmerInnen die Möglichkeit ihre Erfahrungen mit kindlicher Trauer einzubringen und zu reflektieren. Die Auseinandersetzung mit den Gedanken und Gefühlen, die trauernde Kinder auslösen, kann für die Gruppe eine wertvolle Orientierungshilfe zur pädagogischen Trauerarbeit darstellen.

 

Vortrag: Das kindliche Gesicht der Trauer  
Workshop 2: “Trauernde Kinder brauchen…“ Von der eigenen Betroffenheit zu den kindlichen Bedürfnissen

 

Feedbacks zum Workshop

Fr. Mag.a Sagaster und Fr. Mag.a Spinka legten Kinderbilder mit den verschiedensten Mimiken bereit. Jeder Workshopteilnehmer suchte sich eines heraus um zu diesem bestimmten Bild eine wahre Begebenheit zu erzählen. Jedes Erlebnis wurde reflektiert und besprochen.

Es war ein interessanter Austausch, so auch wie z.B.: Gefahren von Floskeln „die Mama ist im Himmel da ist es schön- Kinderwünsche sie möchten zur Mama“ oder „der Papa ist im Krankenhaus verstorben- Kinder haben Angst vorm Krankenhaus sie sind der Meinung, wenn sie ins Krankenhaus müssen, müssen sie sterben“. Wichtig ist es, den Kindern  ausführliche Informationen zu geben.

Danach machten wir mehrere Kleingruppen mit dem Thema Trauer von Kindern in den verschiedenen Altersgruppen. Eigene Erfahrungen und Erlebnisse wurden in der Kleingruppe besprochen.

Zum Schluss konnten diejenigen, die das Bedürfnis hatten, ihre Erfahrung in der Großgruppe erzählen.

 

Ergebnis:

  •     Trauer von Kindern zulassen
  •     Jedes Kind trauert in Ihrer Art
  •     Kinder in die Trauer mit einbeziehen
  •     Kinder, wenn sie wollen, von den verstorben verabschieden lassen
  •     Der Tod gehört zum Leben

DGKS Renate Hofbauer

 

Für mich war der Workshop interessant weil ich durch die “Boje” über Trauer-Betreuung von Flüchtlingskindern mehr Info bekommen habe.
Durch meine Arbeit mit Kindern aus Kriegsgebieten habe ich gesehen, wie schwer es für Kinder ist,  über die eigene Trauer und Traumata zu reden, und es gibt leider diesbezüglich nicht viele Angebote für Flüchtlingskinder.
Alle Erfahrungen von anderen Teilnehmern waren sehr interessant und informativ für mich.

Nermina Tahirovic

 

Downloads

Das_kindliche_Gesicht_der_Trauer

 

Fritz Roth   

absolvierte Anfang der 70-er Jahre das Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität in Köln mit dem Abschluss als Diplom-Kaufmann. Nach fast 10-jähriger Tätigkeit als Unternehmensberater übernahm er 1983 das Bestattungshaus Pütz in Bergisch Gladbach. In den folgenden Jahren machte Fritz Roth eine Ausbildung zum Trauerpädagogen. Er gründete 1993 das „Haus der menschlichen Begleitung” und die „Private Trauerakademie” und eröffnete 2005 die „Villa Trauerbunt” (ein Haus für trauernde Kinder) und den Meditationsgang „Zyklen der Stille – ein Pfad der Sehnsucht”. Im Jahr 2006 erfolgte dann die Gründung und Eröffnung des ersten privaten Friedhofs fürUrnen Deutschlands, die „Gärten der Bestattung”.  Fritz Roth war Gast in vielen Medien, nationalen und internationalen Kongressen. Seine Arbeit hat er in vielen Büchern beschrieben.

 

Vortrag: Trauer ist Liebe
Workshop 4: Neubelebte Trauerrituale

“Trauer ist Liebe”
Trauer setzt immer eine Beziehung voraus, Beziehungen mit ihren schlechten und mit ihren guten Erfahrungen. Und wie in der Liebe und in jeder Beziehung sollten diese Gefühle auch in der Trauer von dem, der damit leben muß, selber ausgedrückt werden. Dieses „Selber Ausdrücken”, besser noch „Begreifen”, kann vielleicht Ungelöstes lösen und schmerzlich Vermißtes neu verbinden. Denn wie heißt es so Mut machend in dem „Hohen Lied der Liebe” von Paulus: Aber die Liebe hört nimmer auf … (Fritz Roth)

 

 

Dr. Monika Specht-Tomann

ist Psychologin, Physiotherapeutin, Universitätslektorin und Sachbuchautorin. Sie arbeitet in der Aus- und Weiterbildung für Sozialberufe und begleitet kranke Menschen und deren Familien. Ihre Themenschwerpunkte sind Sterben, Tod und Trauer, Schmerz sowie Kommunikation und Biografiearbeit. Für ihre Arbeiten als Sachbuchautorin wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Ihr Buch „Wenn Kinder traurig sind – wie wir helfen können“ (Patmos 2008) soll Eltern und Begleitern die unterschiedlichen Gesichter kindlicher Trauer näher bringen und Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigen.
Monika Specht-Tomann hat vier Kinder und ein Enkelkind, sie lebt und arbeitet in Graz.

 

Workshop 3: Kindertränen ernst nehmen- Möglichkeiten kreativer Trauerbegleitung

Anhand von Beispielen aus dem Kinderalltag werden die TeilnehmerInnen eingeladen, ihren persönlichen „Notfallkoffer“ für die Begleitung trauernder Kinder zusammenzustellen. Dabei werden verschiedene kreative Hilfestellungen vorgestellt, diskutiert und ausprobiert.

“Kindertränen sehen” war ein sehr berührender workshop. Wir kamen sehr eng in Kontakt mit unserem eigenen inneren Kind und hatten Gelegenheit unsere eigenen Kindertränen zu sehen bzw. zu spüren. Fr. Specht-Tomann begleitete uns professionell und wies uns klar und deutlich darauf hin, dass Menschen begleiten auch heißt: ihr inneres Kind zu begleiten
Dies erlebten wir in einem sehr lebendigen gemeinsamen Ritual.
Einleitend erfuhren wir noch theoretische “Basics” was trauernde Kinder in den jeweiligen Altersstufen brauchen und so war der workshop eine gelunge Mischung aus Theorie und Praxis.

Elke Kohl

 

Downloads
Handout_Kindertranen_ernst_nehmen
WS_3_Kindertranen_ernst_nehmen
Publikationsliste_Specht_Tomann
  

 

Mag. Christian Freisleben-Teutscher

Langjährige Erfahrung als Referent, Trainer und Journalist mit den Schwerpunkten Bildung, Gesundheit, Soziales sowie als Improtheaterspieler

 

Workshop 5: Fundstücke – Methoden aus der Museumspädagogik um Trauerprozesse zu unterstützen

Gegenstände und Inhalte werden beim vielfältig einsetzbaren „Medium“ Ausstellung aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst und in neue Zusammenhänge gestellt. So entstehen neue Einblicke und Sichtweisen. Eine besondere Stärke der Ausstellung ist, dass alle Sinne angesprochen werden und gleichzeitig mit RezipientInnen ein Dialog entsteht.
In der Arbeit mit Menschen in der letzten Phasen, mit Angehörigen und in der Trauerarbeit auch der Betreuenden kann das Medium Ausstellung eine vielfältige Unterstützung bieten, Lebensstationen und Fundstücke daraus sichtbar machen.

 

„Kein bisschen museal!“  – ein kurze Nachlese
Fundstücke – Methoden aus der Museumspädagogik, um Trauerprozesse zu unterstützen – so der Wortlaut der Workshop Ankündigung von Mag. Christian Freisleben-Teutscher. Ein großes Fragezeichen tauchte in mir beim Lesen dieser Zeilen auf! Und es war genau dieses Fragezeichen, das meine Neugier entfachte und die Entscheidung war gefallen. Da muss ich dabei sein!  Eine vortreffliche Wahl, möchte ich festhalten. Fundstücke aus den geheimnisvollen Tiefen der Handtaschen der Teilnehmerinnen formierten sich im Handumdrehen zu kleinen, feinen, ja  ganz persönlichen Ausstellungen.  Spielerisch und voll Leichtigkeit machten wir uns füreinander sichtbar und konnten so  in kürzester Zeit in Verbindung treten.
Sie mögen nun fragen: welche Rolle kann dies in der Begleitung von Trauerprozessen spielen?  Nun, wie sagt R.M. Rilke “… er wusste nur vom Tod was alle wissen: dass er uns nimmt und in das Stumme stößt …”
Und wenn der Schmerz die Sprache verstummen lässt, können solche Fundstücke eine Brücke sein von Mensch zu Mensch, über die man sich behutsam einen neuen Weg bahnt.
Ein großes Dankeschön an den Workshop-Leiter, der  unkonventionell und voll  Leichtigkeit unsere Kreativität inspirierte und uns den Raum gab, uns zu gestatten vom eigenen Anspruch ein bisschen Abstand zu nehmen!

Regina Reindl

 

Downloads

WS_5_Fundstucke

    

 

Kyriakos Chamalidis

Kyriakos Chamalidis ist Grieche, Tanzpädagoge und griechisch-orthodoxer Theologe. Seit seiner Kindheit tanzt er griechische Volktänze mit großer Freude und gibt diese auch mit Begeisterung weiter.

 

Workshop 6: Trauer durch Tanz überwinden

Emotionen wie Freude, Leidenschaft, aber auch Trauer und Verzweiflung drücken sich  im griechischen Volkstanz aus. Im Tanz erleben wir Spontaneität, Offenheit, Lebensfreude, finden den Weg zu uns und zum anderen.

 

Feedback zum Workshop:
Trauer und Tanz vermeintlich ein Widerspruch? Nicht im Workshop mit Kyriakos Chamalidis!  Lebensbejahung und Sinnfindung vermittelt durch Poesie, Musik und Bewegung war die deutliche Botschaft. In den einfachen, durch die Reigentanzpartner gestützten Schritten, war es gut möglich, Balance zu halten oder wieder zu finden. Diese Symbolik war für mich die take home message: in Grenzsituationen auf Menschen vertrauen zu können, die unseren Rhythmus aufnehmen, Takt halten, uns stützen.

Andrea Dungl

 

Moderation des Tages: Mag. Michael Koch